Sprache als Protest: Parolen und Hashtags machen Konflikte sichtbar

Autor:In: Anastasia Gorokhova

Datum: 08.06.2026

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In Kürze: Wer schon einmal demonstrieren war, kennt sie: Plakate mit Parolen. Manchmal charmant und witzig, manchmal direkt und kämpferisch, mal handgeschrieben, mal gedruckt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen. Doch je weniger demokratisch ein Land ist, desto geringer sind die Möglichkeiten offener politischer Kommunikation. Wie aber funktioniert Protest unter solchen Bedingungen? Und was genau ist eigentlich die „Sprache des Protests“?

In der Forschung gilt Protest längst nicht mehr nur als spontane Empörung auf der Straße, sondern als eigenständige Form politischer Kommunikation. Der Soziologe und Protestforscher Dieter Rucht versteht Protest als politische Beteiligung, die gesellschaftliche Probleme auf die öffentliche Agenda bringen kann, wenn etablierte politische Kanäle nicht ausreichen. Demonstrationen, Kampagnen oder digitale Aktionen seien dabei immer auch Kommunikationsformen, die sich nicht nur an die Politik, sondern auch an die Gesellschaft richten.

Foto: Olga Dietze

Parolen, Slogans, Hashtags

Ein zentrales Instrument ist dabei die Sprache: Parolen, Slogans und Hashtags verdichten komplexe politische Forderungen und bringen sie in wenigen Worten auf den Punkt. Studien aus der Bewegungsforschung zeigen, dass erfolgreiche Protestparolen oft bewusst offen formuliert sind. Die Soziologen David. A. Snow und Robert Benford schreiben, dass wirksame Protestbotschaften sogenannte „Frames“ schaffen: Sie benennen ein Problem und rufen zum Handeln auf, bleiben aber so allgemein, dass sich unterschiedliche Gruppen mit derselben Botschaft identifizieren können.

Ein bekanntes historisches Beispiel aus Deutschland ist die Parole „Wir sind das Volk“, die während der Friedlichen Revolution 1989 auf Demonstrationen in der DDR skandiert wurde und auf Schildern und Plakaten stand. In diesen vier Worten verdichtet sich ein grundlegender demokratischer Anspruch: Politische Legitimität sollte nicht „von oben“, also von einer Staatspartei, sondern „von unten“, also von den Bürger:innen ausgehen. So machte die Parole eine längst überfällige politische Forderung hörbar und wurde zum Symbol einer ganzen Bewegung.

Russland, Iran, China: Wie funktionieren Parolen in autoritären Regimen?

Philippenzo. Swan Lake 2019-2023. Foto: Olga Dietze

Doch Protestsprache besteht nicht nur aus Parolen. Die Protestforschung zeigt, dass Aktivist:innen über ein breites kommunikatives Repertoire verfügen: Humor, Ironie, Metaphern und visuelle Symbole. Solche Ausdrucksformen können politische Botschaften zugänglicher machen – auch dort, wo sie offiziell nicht mehr offen geäußert werden dürfen. Die imPariser Exil lebende russische Anthropologin Alexandra Arkhipova beschäftigt sich seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit der „Sprache des Protests“ in Putinrussland. Von Antikriegsparolen auf Geldscheinen bis hin zu in Städten versteckten Peacezeichen oder Graffitis tanzender Schwäne – einer Anspielung auf Tschaikowskis „Sterbenden Schwan“ und damit auf den Tod des Diktators – reicht das Repertoire des Protests unter autoritären Bedingungen. Die Urheber:innen solcher kreativen Chiffren bezeichnet Arkhipova als „semiotische Partisanen“. Solche Formen der Kritik an politischen Entscheidungen oder an einem politischen System können neue Unterstützer:innen erreichen und selbst im Kleinen der Propaganda etwas entgegensetzen.

Slogan mit Geschichte

Foto: Olga Dietze

Auch in anderen autoritären Staaten greifen Protestierende zu kreativen Ausdrucksformen: In China hielten Demonstrierende bei den Protesten gegen die strikte Corona-Politik 2022 leere weiße Blätter hoch – als Symbol für all das, was im öffentlichen Raum nicht gesagt werden darf. Auch im Iran spielte Sprache eine zentrale Rolle. Bei den Protesten nach dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam, nachdem ihr vorgeworfen worden war, ihren Hidschab nicht „ordnungsgemäß“ getragen zu haben, verbreitete sich die Parole „Jin, Jiyan, Azadî“, („Frau, Leben, Freiheit“). Der Slogan stammt aus der kurdischen Frauenbewegung und verbreitete sich seit dem späten 20. Jahrhundert in verschiedenen Protestkontexten. Im Zuge der Proteste im Iran wurde er weltweit zum Symbol eines umfassenden politischen Aufbruchs.

Mit der Digitalisierung hat sich auch die Sprache des Protests verändert. Forschungen zum digitalen Aktivismus zeigen, dass soziale Bewegungen zunehmend mit Hashtags, Memes und Bildern arbeiten. Ein bekanntes Beispiel ist #MeToo, die Bewegung gegen Gewalt und sexuelle Belästigung, die 2017 weltweit große Aufmerksamkeit erhielt. Allein im ersten Jahr wurde der Hashtag auf Twitter mehr als 19 Millionen Mal verwendet. Insgesamt kam die Debatte auf über 40 Millionen Erwähnungen in sozialen Medien.

Hashtags funktionieren international

urch Hashtags können politische Botschaften schneller denn je und über nationale Grenzen hinweg verbreitet werden. Die australische Linguistin Michele Zappavigna beschreibt sie als Ausdruck von „ambient affiliation“, also als sprachliche Form, durch die sich Menschen in digitalen Räumen spontan um gemeinsame Themen und Haltungen versammeln können.

Die „Sprache des Protests“ ist also mehr als ein rhetorisches Stilmittel auf Plakaten, über das man schmunzelt oder das man fotografiert. In Parolen, Bildern und ironischen Codes verdichten sich gesellschaftliche Konflikte und politische Forderungen, die eine Gesellschaft aufrütteln können. Wer verstehen will, wie soziale Bewegungen entstehen und wirken, sollte daher auch die Ausdrucksformen des Protests in den Blick nehmen.