„Wir sind das Volk?“: Wie Rechtspopulisten demokratische Parolen umcodieren

Autor:In: Anastasia Gorokhova

Datum: 17.04.2026

  • Polarisierung
  • Politisch Andersdenkende
  • Demokratie
  • Politische Konfliktfelder
  • Haltung
  • Dialoggestaltung
  • Debattenkultur
  • Kurz erklärt
  • Praxisbeispiele

In Kürze: „Wir sind das Volk“, „Take back control“, „Make America great again“ – auf den ersten Blick klingen diese Slogans nach demokratischer Selbstermächtigung. Sie greifen vertraute Begriffe auf, wecken historische Erinnerungen und Assoziationen. Aber was passiert mit demokratischen Parolen, wenn sie plötzlich von Rechtspopulisten benutzt werden?

Kernmechanismus populistischer Kommunikation

Foto: Olga Dietze

Volk, Freiheit, Kontrolle – an sich Wörter, die mit Gleichheit und politischer Mitbestimmung verbunden sind. Doch in rechtspopulistischen Kontexten verschiebt sich ihre Bedeutung. Was inklusiv gemeint war, wird exklusiv aufgeladen. Was demokratische Offenheit versprach, dient nun häufig der Abgrenzung. Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde versteht Populismus als „dünne Ideologie“, die sich vor allem über eine einfache, aber wirkungsvolle Gegenüberstellung organisiert: hier das „reine Volk“ – dort die „korrupte Elite“. Entscheidend ist dabei, dass das „Volk“ kein fester Begriff ist. Es wird – so zeigen Studien – politisch konstruiert und kommunikativ hergestellt. Die Forschung beschreibt dieses Phänomen als einen Kernmechanismus populistischer Kommunikation.

Genau hier setzt die Aneignung demokratischer Sprache an. Slogans wie „Wir sind das Volk“ – ursprünglich eine Forderung nach politischer Teilhabe in der DDR 1989, werden in rechtspopulistischen Bewegungen häufig so verwendet, dass ein implizites „Wir“ entsteht: Es schließt bestimmte Gruppen ein und andere wieder aus. „Die volle Wucht populistischer Verachtung“ trifft „alle Nicht-zum-Volk-Gehörenden“, beschreibt der österreichische Wissenschaftler Werner T. Bauer. Oder mit anderen Worten: Die da oben. Gemeint sind in erster Linie Politiker, Intellektuelle oder eben Menschen mit Migrationshintergrund.

Ähnliche Mechanismen lassen sich nicht nur in Deutschland, sondern auch international beobachten, was den „populistischen Zeitgeist“, wie der Forscher Cas Mudde es zusammenfasst,  widerspiegelt.

Populistischer Zeitgeist

Der Slogan „Take back control“, zentral in der Brexit-Kampagne, ist eines der international bekannten Beispiele. Mit der Parole wird ein Verlust politischer Handlungsfähigkeit suggeriert und verspricht deren Rückgewinnung. Was genau verloren ging und wer diese Kontrolle künftig ausüben soll, bleibt natürlich offen. Gerade diese Unbestimmtheit macht den Slogan so effektiv. Komplexe politische und ökonomische Verflechtungen werden auf ein einfaches Narrativ reduziert. „Wir“ haben etwas verloren, „wir“ müssen es uns zurückholen, „die anderen“ sind daran schuld.

Noch deutlicher wird diese Strategie im US-amerikanischen „Make America Great Again“ – mittlerweile auch als „MAGA-Bewegung“ bekannt. Der Slogan arbeitet mit kollektiver Nostalgie – einem Phänomen, das als besonders mobilisierend gilt. Das „alte populistische Credo der individuellen Unabhängigkeit“ – nennt das die Professorin für Amerikansiche Kulturgeschichte Ursula Prutsch. Eine idealisierte Vergangenheit wird beschworen, ohne sie konkret zu benennen. Dadurch können sehr unterschiedliche Vorstellungen von „Größe“ angesprochen werden. Gleichzeitig wird implizit verhandelt, wer zu diesem „großartigen“Amerika gehört – und wer nicht.

Andere Parolen funktionieren über Dramatisierung und Bedrohungszenarien. „Stop the Invasion“ – häufig von Donald Trump bezüglich der amerikanischen Migrationspolitik verwendet, – rahmt Migration als militärischen Angriff. Sprachwissenschaftlich handelt es sich um ein klassisches Framing: Ein politisches Thema wird so benannt, dass bestimmte Deutungen (Gefahr, Verteidigung, Abwehr) nahezu automatisch aktiviert werden. Ähnlich arbeitet der Slogan „Breaking Point“, der einen Zustand maximaler Überforderung inszeniert. Solche Begriffe erzeugen Dringlichkeit und emotionalisieren politische Debatten, oft unabhängig von empirischen Realitäten.

In all diesen Beispielen ist ein wiederkehrendes Muster zu erkennen. Sie greifen auf historisch legitimierte und positiv besetzte Begriffe zurück. Dann vereschieben sie ihre Bedeutung – häufig von inklusiv zu exklusiv, von komplex zu simpel, von pluralistisch zu homogen. Und sie konstruieren ein klares „wir gegen sie“: das einfache Volk gegen die Eliten, die Fremden, die Anderen.

Gefahr für demokratische Gesellschaft

(c) Olga Dietze
Foto: Olga Dietze

Dies verändert langfristig Bedeutungsrahmen politischer Begriffe. Wenn „Volk“ nicht mehr die Gesamtheit aller Bürger:innen meint, wird der Grundsatz politischer Gleichheit untergraben. Außerdem entsteht eine sprachliche Grauzone: Die Begriffe klingen weiterhin demokratisch, transportieren aber exkludierende Inhalte. So ist auch das eigentlich positiv geprägte Wort „Alternative“ im Namen der rechtspopulistischen Partei „AFD“ mit großer Wahrscheinlichkeit nicht umsonst gewählt. Das alles erschwert es, antidemokratische Positionen eindeutig zu benennen.

Der entscheidende Punkt ist: Rechtspopulismus erfindet selten neue Sprache. Es leiht sich bestehende Begriffe und verändert ihre Funktion. Genau darin liegt auch eine der Gefahren: Wer mit vertrauten Worten spricht, wirkt ehrlich und sehr verständlich. Demokratische Begriffe sind also kein neutrales Vokabular. Ihre Bedeutung entscheidet auch darüber, wie offen eine Gesellschaft wirklich bleibt.

Quellen:

Expert:innen zum Thema