In Kürze: Wie verhärtet sind die Fronten – und besteht noch die Chance auf eine gemeinsame Lösung? Um solche Fragen besser einschätzen zu können, entwickelte Friedrich Glasl die Eskalationsskala. Dieses Stufenmodell hilft dabei, den Verlauf eines Konflikts einzuordnen und zu beurteilen, ob eine Einigung zwischen den Parteien noch möglich ist oder der Streit für eine gemeinsame Lösung bereits zu weit eskaliert ist.
Eskalationsskala
Der dritte Aspekt zur Entwicklung eines Designs zur demokratischen Konfliktbearbeitung bezieht sich auf den Grad der Eskalation oder Polarisierung.
Das bekannteste Eskalationsmodell hat der österreichische Mediator und Organisationsberater Friedrich Glasl entwickelt. Dieses Phasenmodell der Eskalation von Konflikten umfasst 3 Ebenen und 9 Stufen. Die Stufenfolge hat Friedrich Glasl abwärts dargestellt, mit größeren Abstufungen nach Stufe 3 und Stufe 6. „Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren stellen wir den Eskalationsprozess als eine Abwärtsbewegung dar: Es ist eine Bewegung über Stromschnellen, die zu einer zunehmenden sozialen Turbulenz führt. … Der Übergang von Stufe zu Stufe kann auch als das Abgleiten von einem Regressionsniveau zu einem noch niedrigeren Regressionsniveau dargestellt werden.“ (F. Glasl, S. 2/5/6)
Ebene 1: Sache
Stufe 1 Verhärtung
Ein Konflikt beginnt mit Differenzen zu einem Sachthema. Trotz hitziger Diskussionen gelingt es den Parteien nicht, die andere Seite zu überzeugen.
Stufe 2 Debatte
Die Konfliktparteien gehen kaum noch aufeinander ein, Polarisationen im Denken, Fühlen und Wollen nehmen zu. Recht zu haben und den eigenen Standpunkt in ein gutes Licht zu rücken ist bereits genauso wichtig wie die inhaltliche Auseinandersetzung.
Stufe 3 Taten statt Worte
Die Konfliktparteien glauben nicht mehr daran, dass Gespräche zu Lösungen führen. Es besteht die Überzeugung: „Nicht Worte, sondern Taten sind entscheidend“. Es werden Fakten geschaffen, die auf der anderenSeite Gegenreaktionen provozieren. Es bilden sich Parteien.
Auf Ebene 1 besteht immer noch eine – wenn auch abnehmende – Bereitschaft, sich zu einigen und Lösungen zu finden. Bis Stufe 3 können Konflikte noch in einer Win-Win-Situation beendet werden.
Ebene 2: Person
Beim „Absturz“ auf Ebene 2 schwinden die Möglichkeiten zur Einigung drastisch. Der Konflikt bestimmt Denken und Handeln, das Bekämpfen der anderen Partei wird immer bedeutsamer.
Stufe 4 Images und Koalitionen
Die Kluft zwischen den Kontrahenten nimmt dramatisch zu. Sie nehmen sich selbst als positiv und konstruktiv wahr, während sie die andere Seite negativ bewerten und Bestätigungen dafür suchen. Unbeteiligte werden gedrängt, sich zu positionieren, es ist kaum möglich neutral zu bleiben nach dem Motto: wer nicht für mich ist, ist gegen mich.
Stufe 5 Gesichtsverlust
Feindbilder verhärten sich, es finden öffentliche und direkte Angriffe auf die „Gegner“ statt mit dem Ziel, die andere Seite öffentlich zu beschädigen.
Stufe 6: Drohstrategien
Die Parteien wollen sich gegenseitig zum Nachgeben zwingen. Forderungen werden durch Drohungen zu Sanktionen verstärkt. Auf Ebene 2 ist der Konflikt nur noch in einer Win-Lose-Situation zu beenden. Fritz Simon benennt das Problem: „Ohne Kapitulation kein Ende des Konflikts. Es ist das paradoxe – den meisten Konfliktbeteiligten nicht bewusste – Grundgesetz jeder Konfliktdynamik, dass der Verlierer bestimmt, wann ein Konflikt beendet ist. (Fritz Simon, S. 86)
Ebene 3: Ding
Durch den Absturz auf Ebene 3 „Ding“ wird die andere Seite nicht mehr als Person, sondern als „Ding“ betrachtet, das ausgelöscht und vernichtet werden muss.
Stufe 7 Vernichtungsschläge
Drohungen werden in Taten umgesetzt. Es ist den Parteien klar, dass es nichts mehr zu gewinnen gibt. Entscheidend ist, dass der Verlust der anderen Seite größer ist als der eigene Schaden, was als Gewinn definiert wird.
Stufe 8 Zersplitterung
Mit jedem Schlag und Gegenschlag wird die Dosis erhöht. Es geht ums Ganze. Der Gegner soll zugrunde gerichtet werden, materiell und oder geistig und oder psychisch.
Stufe 9 Gemeinsam in den Abgrund
Die feindlichen Parteien sehen keinen Weg mehr zurück. Die totale Konfrontation zielt auf die endgültige Vernichtung des Gegners. Wenn die Eskalation die Schwelle zur Stufe 9 überschritten hat, kann sogar im eigenen Untergang insofern ein Triumph erlebt werden, als der Gegner mit in den Abgrund gerissen wird.

„Der Eskalationsgrad ist entscheidend dafür, inwiefern ein bestimmtes Rollenmodell für die Konfliktlösung wirkungsvoll sein kann oder nicht. (…) Daneben gibt das Erkennen der Eskalationsstufe Anhaltspunkte für eine wirksame Verknüpfung von Maßnahmen mit kurzfristiger bzw. langfristiger Wirkung sowie für das Verhältnis von präventiven und kurativen Maßnahmen. (Friedrich Glasl, Konfliktmanagement S. 184)
Als Diagnoseinstrument zeigt die Eskalations-Skala von Friedrich Glasl, wie Verhalten und Interventionen der Konfliktpartien den Konflikt über die verschiedenen Stufen vorantreiben. Dies gilt für personenbezogene sowie für viele organisationsbezogene Konflikte. Die Skala hat ihre Grenzen bei komplexen organisationsbezogenen Konflikten, wie z.B. Konflikten in Change-Prozessen oder Fusionen. Ebenso bei vielen gesellschaftlichen -und öffentlichkeitsbezogenen Konflikten in den Themenfeldern Transformation, Migration und Daseinsvorsorge. Denn hier entsteht die Eskalationsdynamik nicht in erster Linie durch das Verhalten der Beteiligten, sondern durch externe Kräfte wie politische Parteien, ideologisch motivierte Initiativen, soziale Medien und überregionale Kampagnen.
Daher haben wir vor 15 Jahren begonnen, uns in Bearbeitungen von Konflikten mit gesellschaftlicher Relevanz mit der speziellen Dynamik von Polarisierungsprozessen auseinanderzusetzen. Daraus ist ein die Eskalations-Skala ergänzendes Diagnose-Modell für Polarisierung, die Polarisierungsspirale, entstanden
Der dritte Aspekt zur Entwicklung eines Designs zur demokratischen Konfliktbearbeitung bezieht sich auf den Grad der Eskalation oder Polarisierung.
Das bekannteste Eskalationsmodell hat der österreichische Mediator und Organisationsberater Friedrich Glasl entwickelt. Dieses Phasenmodell der Eskalation von Konflikten umfasst 3 Ebenen und 9 Stufen. Die Stufenfolge hat Friedrich Glasl abwärts dargestellt, mit größeren Abstufungen nach Stufe 3 und Stufe 6. „Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren stellen wir den Eskalationsprozess als eine Abwärtsbewegung dar: Es ist eine Bewegung über Stromschnellen, die zu einer zunehmenden sozialen Turbulenz führt. … Der Übergang von Stufe zu Stufe kann auch als das Abgleiten von einem Regressionsniveau zu einem noch niedrigeren Regressionsniveau dargestellt werden.“ (F. Glasl, S. 2/5/6)