In Kürze: Wenn gesellschaftliche Konflikte hochkochen, handelt es sich oft um komplizierte und dynamische Prozesse, die leicht unübersichtlich werden können. Der Mediator und Organisationsberater Kurt Faller beschreibt in diesem Text, wie es mit Hilfe der Systemischen Schleife gelingen kann, auch in schwierigen Situationen den Überblick zu behalten und Konflikte nachhaltig zu bewältigen.
Systemische Schleife
Komplexität und Dynamik als grundlegende Charakteristika von lebenden Systemen steigern sich in Konflikten zu Unüberschaubarkeit und Unvorhersehbarkeit. Bei Konflikten von gesellschaftlicher Relevanz ist immer wieder mit unvorhersehbaren Wendungen und Zuspitzungen zu rechnen. So gut die Schritte in der demokratischen Konfliktbearbeitung auch geplant sind, so plötzlich können sich Schwerpunkte verändern und affektgeladene Debatten über scheinbar nebensächliche Fragen entstehen. Deshalb ist es sinnvoll, in der Beratungs- und Vermittlungsarbeit in zwei Ebenen zu denken: auf der Handlungsebene mit einem klaren Plan vorzugehen und gleichzeitig auf der Reflexionsebene aufmerksam für Veränderungen und Emotionalisierungen zu sein, um schnell reagieren zu können. Hilfreich dafür ist das Modell der „Systemischen Schleife“. Sie stellt ein einfaches Denk- und Prozessmodell dar, um quasi „nebenbei“ Informationen zu sammeln, zu bewerten, Hypothesen zu bilden und im weiteren Vorgehen zu berücksichtigen.
Dieses Basismodell (s. Königswieser/Hillebrand: Einführung in die systemische Organisationsberatung) besteht aus mehreren Schritten, die während der Konfliktbearbeitung immer wieder gegangen werden und Mediator:innen und Konfliktberater:innen helfen, ein tieferes Verständnis für die Konfliktparteien und mögliche Lösungswege zu entwickeln.

Im ersten Schritt werden Informationen gesammelt und Fragen gestellt. Gibt es weitere Personen oder Gruppen, die bisher noch nicht in Erscheinung getreten sind oder benannt wurden? Welche Themen wurden bisher noch nicht aufgenommen? Werden Triggerpunkte thematisiert, die zu Emotionalisierung und Polarisierung führen können? Gibt es neue Entwicklungen, die Auswirkungen auf den Vermittlungsprozess haben?
Im zweiten Schritt werden die neuen Informationen zusammengestellt, bewertet und Hypothesen zum weiteren Verhalten der Konfliktparteien und den Auswirkungen auf den Fortgang des Verfahrens entwickelt.
Im dritten Schritt wird konkret überlegt, wie neue Erkenntnisse in den laufenden Prozess der Konfliktbearbeitung eingebaut und wie diese Veränderung mit Auftraggeber und Beteiligten besprochen werden können.
Im vierten Schritt werden die verabredeten Maßnahmen umgesetzt und neue Informationen gesammelt. Damit beginnt der Reflexionsprozess wieder von vorne.
Das Arbeiten mit der „systemischen Schleife“ ist in der demokratischen Konfliktbearbeitung eine wichtige Orientierungshilfe und schafft Sicherheit im Umgang mit komplexen und unsicheren Situationen. Gleichzeitig gilt immer die Warnung: „Es ist eine Illusion zu glauben, wir müssten nur genug Fragen und Informationen sammeln, dann würde das Bild komplett werden: Wir handeln immer auf glattem Parkett und mit großen Unsicherheiten.“ (Königswieser / Hillebrand, S. 47)