Haben Sie schon mal im Büro geweint? Ich ja. Erst kürzlich. Aus Verzweiflung, Wut und Enttäuschung. Nein, nicht was Sie jetzt denken, dass ich gemeine Kollegen oder einen schlechten Chef habe. Nichts von alledem. Es ging schlicht und ergreifend um einen Kneipenabend. Ja, ich habe tatsächlich wegen eines Kneipenabends geweint.
Fünf Tage zuvor besuche ich Britta in der Uckermark. Sie ist eine der ehrenamtlichen Mitinitiatorinnen der Wanderkneipe in der Gemeinde Nordwestuckermark. Monatlich ziehen sie in ein anderes Dorf der Gemeinde. Wir sitzen an Brittas großem Wohnzimmertisch, trinken Kaffee, schauen über die Hügellandschaft hinter ihrem Haus und sie erzählt, was sie anreibt, ausgerechnet eine Wanderkneipe mit auf die Beine zu stellen. Sie berichtet vom Kneipensterben. Auch in der Uckermark hat kaum ein Dorf mehr eine Kneipe, wo man sich trifft, Dinge auf dem kurzen Weg abspricht, über Politik oder Kartoffelernte diskutiert, erfährt wie es dem Nachbarn geht, manchmal tanzt oder auch ein Bier zu viel trinkt. Die Wanderkneipengruppe versucht seit zwei Jahren, diesem gesamtdeutschen Phänomen des Kneipensterbens und dem Wegbrechen von Orten der Begegnung etwas entgegenzusetzen. Ich bin beeindruckt von dem langen Prozess, dem sich die Initiatoren stellen. Ein Prozess, der Menschen, egal welcher politischen Richtung, zusammenbringen und die Gemeinschaft vor Ort fördern soll. Ihr Wunsch ist es, den Dorfbewohnern Lust zu machen, ihre eigenen Kneipenabende zu veranstalten und regelmäßige Angebote für die Bewohner zu schaffen.
Brittas Tipp für Einsteiger: Den Ortsvorsteher um Zugang zum Gemeindehaus zu bitten, Aushänge und Einladungsflyer im Dorf verteilen, ein paar Kästen Bier besorgen und zum Selbstkostenpreis verkaufen. Und los geht’s. Eben einfach machen.
Drei Tage nach unserem Treffen stellt Britta auf meinen Wunsch das Konzept der Wanderkneipe in einer Runde von Ehrenamtlichen vor. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, neue Wege zu beschreiten, um verschiedene Menschen zusammenzubringen. In ihrer klugen, ruhigen Art und mit Herzblut berichtet Britta von den Aktivitäten der Gruppe in der Nordwestuckermark. Neben Zuspruch kommen auch Fragen danach, wie nachhaltig so ein Konzept denn sei, wenn die Wanderkneipe nur einmal im Jahr in ein Dorf komme? Wie man den Erfolg der Wanderkneipe messen könne? Ob ausgerechnet ein Kneipenabend der richtige Weg zur Vergemeinschaftung sei? Oder wie man AfD-Mitglieder raushalte?
Ich spüre hinter diesen Fragen die Verzweiflung, dem steigenden Zuspruch für die AfD im ländlichen Raum etwas entgegensetzen zu wollen. Gleichzeitig frage ich mich, ob das – in Anbetracht der politischen und gesellschaftlichen Lage – die richtigen Fragen sind, die wir uns stellen sollten, um etwas zu verändern. Einigermaßen ratlos gehe ich aus dieser Veranstaltung.
Am nächsten Morgen bekomme ich eine kommentarlose Mail von jemandem, der weiß, wie mir zumute war. Es ist nur ein Anhang und der heißt: „Strategiepapier Ländliche Raumnahme“. Noch während ich das Papier lese, laufen mir die Tränen.
Unter dem Motto „Verankerung in der Fläche – Die AfD erobert die Dörfer“ stellt der rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Sebastian Münzenmaier seine Idee für die ländliche Raumnahme der AfD in Rheinland-Pfalz vor. Unter „Stufe 1: Erstkontakt – Dämmerschuppen rocken!“ heißt es:
„- Raus aufs Land.
– Rechtzeitige Bewerbung: Plakatieren, Flyer, Aushang am Schwarzen Brett im Supermarkt, Direktansprachen und Einladungen.
– Dämmerschoppen: Geselligkeit und Kennenlernen stehen im Vordergrund. Bratwurststand, Weinstand, keine langen politischen Reden. Ziel: Erstkontakt mit den Bürgern vor Ort und – darauf aufbauend – die Gewinnung von Neumitgliedern.“
Irgendwie kommt mir dieses Konzept bekannt vor. Weiter unten beim Punkt „Schrittweise Umsetzung“ wird zur inhaltlichen Ausgestaltung empfohlen: „Niedrigschwellige Angebote. Bratwurst & Bier, Aperol-Abende für die Jugend, Seniorenkaffee, Feiertage (1. Mai, Tag der Deutschen Einheit), Sommerfeste, Weihnachtsmärkte, Messen, Buchvorstellungen, Filmabende, Diskussionsrunden (mit prominenten Vertretern), Vorträge, Kultur. Bei Parteiveranstaltungen: Kein Frontalunterricht – offenes Bürger-Mikrofon.“
Menschen im ländlichen Raum, wo Orte der Begegnung zunehmend fehlen, sind u.a. mit Geselligkeit, Bier, Bratwurst, gemeinsamem Essen und ohne lange politische Reden zu erreichen. Das weiß nicht nur die Wanderkneipe in der Nordwestuckermark (und natürlich auch viele andere ehrenamtliche Initiativen). Das hat auch die AfD begriffen. Sebastian Münzenmaiers erklärtes Ziel ist es, die Dörfer zu beleben und die AfD zu der Partei des ländlichen Raums zu machen. „Macher statt nur Dagegen-Partei.“, so nennt es Münzenmaier.
Am 27. März verfolge ich eine Bundestagsdebatte, in der es u.a. um die Preiserhöhungen in der Gastronomie geht. Nur der Mecklenburg-Vorpommersche AfD-Abgeordnete Dario Seifert weist in seinem Redebeitrag auf die Dramatik des Gaststätten- und Kneipensterbens im ländlichen Raum hin. Denn mit den Gaststätten, so Seifert, würde oftmals auch der letzte Treffpunkt in der Gemeinde verschwinden; der Ort, in dem Vereinsleben, Gemeinschaft und Zusammenhalt noch stattfänden. Auch wenn Seiferts und meine politischen Intentionen weit auseinanderliegen, teile ich die Dramatik seiner Einschätzung. Schade nur, dass kein anderer Bundestagsabgeordneter diese Schieflage erwähnt hat.
Zur Verzweiflung und zum Weinen bringt mich eine traurige Erkenntnis: Wir verharren in unseren alten Fragemustern – z.B. wogegen wir sind oder wie wir Menschen mit wortreichen Bildungsprojekten überzeugen können – ohne die eigentlichen Fragen zustellen. Aus meiner Sicht wird noch zu selten wirklich nach den Menschen vor Ort gefragt. Und das enttäuscht mich. Wenn die anderen Bundesparteien und die Zivilgesellschaft nicht jetzt die Ärmel hochkrempeln und die Macher vor Ort sind, dann macht es die AfD. Und die macht es leider strategisch und gut.
Ruth Wunnicke
ist wissenschaftliche Referentin bei GEGEN VERGESSEN – FÜR DEMOKRATIE e.V.
