„FCK AFD“ – Haltung zeigen kann zur Abschottung führen

Autor:In: Ruth Wunnicke

Datum: 22.06.2026

Kürzlich besuchte ich in einem Dorf ein evangelisches Gemeindehaus. In diesem Haus spielt sich nicht nur das Gemeindeleben ab, dort lebt auch der Gemeindediakon. Er ist ein engagierter Mann, der eine großartige Jugendarbeit macht. Am Briefkasten der Kirchengemeinde, neben der Eingangstür, kleben zwei Aufkleber „FCK AFD“ und „Kein Platz für Nazis“. Sie spiegeln die Haltung des Diakons wider. Und ich verstehe die Prägung seiner Haltung vor dem Hintergrund seiner pazifistischen Herkunft. Mit Sicherheit finden Jugendliche die Aufkleber cool. Einige Ältere werden sie möglicherweise gar nicht verstehen. Doch frage ich mich, was diese Aufkleber mit jenen Gemeindemitgliedern machen, die AfD wählen oder mit dem Gedanken spielen, weil sie von der aktuellen politischen Situation enttäuscht sind?

Noch während ich in jenem Gemeindehaus zu tun hatte, überlegte ich, wer oder was mich eigentlich im Haltungzeigen geprägt hat. Viele meiner westdeutschen Freundinnen und Freunde, lernte ich, waren mit Büchern von Gudrun Pausewang aufgewachsen, in denen Haltung haben und Haltung zeigen die Basis vieler Geschichten ist. Derartige Literatur wurde in der DDR, wo ich aufwuchs, nicht verlegt. Mich haben vor allem Menschen geprägt. Dass ihr Handeln aus einer tiefen inneren Gewissheit heraus geschah und diese Gewissheit so etwas wie ein unsichtbarer Kompass für sie war, habe ich erst später begriffen. Noch gut erinnere ich  mich, wie unser westdeutscher Freund Curt-Jürgen aus Pforzheim Mitte der1980er Jahre an unserem Küchentisch in einem kleinen brandenburgischen Dorf in der DDR von den Protesten und Sitzblockaden gegen die Stationierung von Pershing II Raketen im Baden-Württembergischen Mutlangen erzählte, an denen er beteiligt war. Curt-Jürgen hatte im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft und sich im Schützengraben geschworen, Friedensaktivist und Pfarrer zu werden, wenn er den Krieg überlebt. Was er dann auch tat. Mich als Zehnjährige faszinierten seine Erzählungen. Konnte ich mir doch solche Art des Haltungzeigens und des Protestes gar nicht vorstellen. Die äußerste Form, Haltung zu zeigen, war für mich in der DDR bis dahin, dass mein Vater mir einen Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufkleber auf meinen roten Schulranzen klebte. Wohl fühlte ich mich damit nicht, denn ich war die Einzige in der Schule mit so einem Statement. Es war auch eher die Haltung meines Vaters, die ich auf dem Ranzen trug, weniger meine. Denn so richtig verstanden hatte ich nicht, was dieser Aufkleber bedeutete.

Doch eine Sache, und die lernte ich früh, war immer entscheidend – man blieb im Gespräch. Diskutiert und gestritten wurde über ein Thema. Aber man blieb als Freund, Kollege oder als Menschen verbunden. Das tat Curt-Jürgen in der BRD und das tat mein Vater in der DDR. Ich erlebte harte Diskussionen zwischen meinem Vater und meinen Lehrern unter anderem darüber, warum wir Kinder nicht an den Veranstaltungen der DDR-Jugendorganisationen teilnahmen, denen wir ja gar nicht angehörten. Doch zum Abschied reichten man sich stets die Hand. Man diskutierte in der Sache, blieb aber als Menschen im Gespräch.

Zurück in das Jahr 2026. Was passiert, wenn immer mehr Menschen nicht meiner Meinung sind? Wenn meine moralische Überzeugung eher zur Abschottung führt?
Ein Blick in die Wahlstatistik des Ortes, in dem jenes evangelische Gemeindehaus steht, zeigt mir, dass 47,7 % der Einwohner bei der letzten Bundestagswahl mit der Zweitstimme die AfD gewählt haben. Man kann also davon ausgehen, dass auch unter den Mitgliedern der Kirchengemeinde einige mit der AfD sympathisieren.

Was fühlen sie wohl, wenn ihnen an der Eingangstür mitgeteilt wird, wie man hier über sie denkt – dass man sie für Nazis hält. Fühlen sie sich willkommen? Eröffnet der Gang durch diese Tür die Einladung zu einem Gespräch über Weltsichten und politische Meinungen? Fakt ist: wenn ich meine Haltung mit einer Abwertung demonstriere, zeige ich mich meinem Gegenüber nicht zwingend offen für ein Gespräch. Ich frage mich, ob dem Gemeindediakon das bewusst ist. Möglicherweise ist es ihm auch bewusst und er setzt diese Zeichen erst recht?

Allerdings erfordert die aktuelle gesellschaftliche Situation meiner Meinung nach keine Abgrenzung, sondern vielmehr ein Aktiv-im-Gespräch-bleiben. Und ich würde sogar noch weitergehen und behaupten: Wenn wir Grenzen ziehen, machen wir uns in gewisser Weise mitschuldig an der Spaltung der Gesellschaft.

Dabei muss jedoch eine wichtige Nuance unterschieden werden: ziehe ich die Grenze zu einem unentschiedenen Menschen, der gesellschaftlich und politisch enttäuscht ist und der sich im politischen Programm der Organisation oder der Partei, der er sich zuwendet, eigentlich auch nicht wiederfindet. Oder ziehe ich die Grenze zu einem Ideologen, der im Zentrum der politischen Bewegung steht und der seinerseits eine Abgrenzung will. Die Ideologen sind aktuell nur eine kleine Gruppe innerhalb der populistischen Bewegungen. Letztere würden vermutlich auch mit mir nicht ins Gespräch gehen wollen. Doch mit der großen Gruppe der Unentschiedenen – meine alte Klassenkameradin, mein Nachbar, die Verkäuferin an der Kasse im Supermarkt, der Vater meines besten Freundes – mit denen möchte ich im Gespräch sein.

Ich wünsche mir, dass wir uns öfter aus den Schützengräben unseres eingeübten Haltungzeigens herauswagen, ins Gespräch gehen und im Gespräch bleiben. Haben wir den Mut, die Meinung der anderen, die nicht meine ist, auszuhalten. Ein Gespräch bedeutet zuzuhören, den anderen in seiner Wahrheit verstehen zu wollen und etwas von meiner eignen Wahrheit zu erzählen. Das bedeutet nicht, ich muss für alles Verständnis haben oder meine Haltung ändern.

Ohne Frage: Haltung zu zeigen ist ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Demokratie und des zivilgesellschaftlichen Engagements. Wir sollten uns aber auch darüber bewusst sein, dass Haltung zeigen an seine Grenzen stößt, wenn es in Dogmatismus, Intoleranz oder ineffektives Verhalten umschlägt. Die Grenzen liegen dort, wo das Gespräch abbricht oder moralische Überzeugung zur Abschottung führt.

Offen am Briefkasten seine Haltung gegen Nazis und die AfD zu zeigen, ist die Wahrheit jenes Gemeindediakons. Sie ist nicht grundsätzlich falsch. Sie kann aktuell nur (höchst) fatale Folgen haben.

Ruth Wunnicke
ist wissenschaftliche Referentin bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.