Als ich vor zwei Jahren erstmals von der Verbindung zwischen Einsamkeit und ihrer Gefahr für die Demokratie las, konnte ich mir diesen Zusammenhang nur schwer erklären.
Bis dahin wusste ich: Der häufigste Grund, weshalb Menschen in Deutschland die Nummer der Telefonseelsorge wählen, ist Einsamkeit. Sie zieht sich durch die gesamte Gesellschaft – von jung bis alt. Schon vor Jahren rückte das Thema Vereinsamung in den Fokus von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. In England gibt es längst ein „Ministerium gegen Einsamkeit“. Auch die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit ist hinlänglich bekannt.
Doch aktuelle Studien belegen eine weitere Wirkung mit womöglich weitreichenden Konsequenzen für unsere Gesellschaft:
Einsamkeit ist eine Gefahr für die Demokratie.
In den vergangenen drei Jahren erschienen in Deutschland mehrere Studien zum Thema Einsamkeit, die einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und politischen Einstellungen herstellen.
- Mit dem Einsamkeitsbarometer 2024 der Bundesregierung lag erstmals eine umfassende Analyse des Einsamkeitserlebens in Deutschland vor. Die Wissenschaftler der Studie kamen unter anderem zu dem Fazit: „Einsamkeitsbelastungen beeinflussen die Einstellungen zur Demokratie. Personen mit erhöhter Einsamkeitsbelastung haben ein niedrigeres Vertrauen in politische Institutionen (Polizei, Parteien, Politiker und Politikerinnen, Rechtssystem, Bundestag) als Personen ohne erhöhte Einsamkeitsbelastung.“
- Ähnlich alarmierend fällt die Bertelsmann Jugendstudie 2025 aus, für die 2024 16-30-Jährige befragt wurden. Die Studie trägt den Titel „Jung, einsam – und engagiert? Wie Einsamkeit das Engagement der jungen Generation prägt“. Wer sich als junger Mensch in Deutschland einsam fühle, sei unzufriedener mit der Demokratie und glaube kaum daran, dass es lohnend sei, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Neben fehlendem Engagement drohe eine wachsende Anfälligkeit für politische Entfremdung und Radikalisierung. Das Fazit: Einsamkeit sei nicht nur ein individuelles und soziales Problem, sondern auch eine Gefahr für die Demokratie.
- Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Studie Einsamkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt Baden-Württemberg 2025 der Bertelsmann-Stiftung und des Landes Baden-Württemberg. Besonders relevant seien ein mangelndes Gefühl sozialer Verbundenheit mit der Nachbarschaft sowie eine fehlende Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen wie Freundeskreisen, Vereinen oder Kolleginnen und Kollegen. Zudem gehe höhere Einsamkeit mit geringerer Zukunftszuversicht und weniger Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie einher.
Wir können etwas tun!
In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wer sogenannte „demokratieskeptische Menschen“ sind und was ihr Bedürfnis sein könnte. Antworten fand ich bei der internationalen Organisation More in Common. In einer sozialpsychologischen Untersuchung identifizierte die Organisation sechs Typen der deutschen Bevölkerung mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die Gesellschaft (hier ein spannendes Kurztutorial zu den 6 Typen). Menschen des pragmatischen oder enttäuschten Typs kämpfen demnach nicht nur mit Einsamkeit, sondern fühlen sich auch von der Politik übersehen und überfordert. Neben besserer und funktionierender Gesetzgebung wünschen sie sich vor allem gesellschaftlichen Zusammenhalt und Nähe.
Wollen wir einsame Menschen erreichen, brauchen wir niedrigschwellige Begegnungsräume und Formate, die auf das Thema Einsamkeit einzahlen. Es geht schlicht und ergreifend darum, Menschen in ihren Häusern und Nachbarschaften zu erreichen und für Begegnung, Geselligkeit und Gemeinschaft zu gewinnen. Vertrauen aufbauen und zuhören sollten an erste Stelle stehen. Fragen der Demokratie und Partizipation folgen erst im nächsten oder übernächsten Schritt.
Gerade Demokratieförderprogramme sollten jetzt den Mut haben, Demokratieförderung neu zu denken und neue Formate unterstützen, die bisher jenseits klassischer Demokratieförderlogik lagen.
Aber auch jeder Einzelne kann etwas tun. Das Wetter ist schön, der Sommer steht vor der Tür. Laden Sie Ihren Nachbarn, mit dem Sie wenig zu tun haben – oder besser noch ihre gesamte Nachbarschaft – einfach mal zum Kaffeeklatsch ein.
Eine kleine Geste mit besonderer Wirkung für unsere Gesellschaft.
Ruth Wunnicke ist wissenschaftliche Referentin bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.
Ruth Wunnicke
ist wissenschaftliche Referentin bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.
