Was haben ein Dorffest und Demokratie miteinander zu tun? Sehr viel! Begriffen habe ich diesen Zusammenhang, als ich im vergangenen Jahr in meinem brandenburgischen Heimatdorf die Feier zum 775-jährigen Bestehen mit vorbereiten durfte. Nahezu die Hälfte des 250 Einwohner großen Dorfes war an den Vorbereitungen beteiligt. Es waren nicht nur die Mitglieder des Dorfvereins, die sich engagierten. Viele halfen mit: Alteingesessene, Zugezogene und jene, die wie ich längst weggezogen waren, aber für das Dorffest wieder ihre Unterstützung anboten.
Ein Jahr lang traf man sich regelmäßig im Gemeindehaus, in dem früher der Kindergarten untergebracht war. Heute wird er aus Mangel an Kindern nicht mehr benötigt. Die Organisatorinnen und Organisatoren planten den Festumzug, nähten und mieteten Kostüme, kümmerten sich um die Versorgung, organisierten Bierbänke und Tische für die Festwiese, sammelten Spenden für eine Band, die am Abend zum Tanz aufspielen sollte, stellten ein Begleitprogramm auf die Beine, erarbeiteten eine Ausstellung zur Dorfgeschichte, sorgten für die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, die das Ordnungsamt vorschreibt, und hielten Kontakt zur Polizei, die den Festumzug begleiten musste.
Das Fest erstreckte sich über drei Tage. Am Freitagabend wurde es mit einem Orgelkonzert und einem Schmalzstullenbüfett in der Kirche eröffnet. Seinen Höhepunkt fand es im historischen Umzug und dem großen Fest auf dem Dorfanger, bevor es am Sonntagvormittag mit einem Frühschoppen und Blasmusik ausklang.
Egal, mit wem ich in den Wochen danach sprach: Neben der Erschöpfung hörte ich vor allem Freude und Stolz darüber, was man gemeinsam auf die Beine gestellt hatte. Ich hörte Verbundenheit, Gemeinschaftsstolz und Dorfstolz.
In all den Festvorbereitungen ging mir oft ein Satz der Thüringer Ethnologin Juliane Stückrad über Dorffeste durch den Kopf:
„Nicht das Fest ist das Gemeindeleben, sondern die Organisation des Festes.“
Wenn die Menschen aufgrund des Wandels der Lebenswelt in ländlichen Räumen heute nicht mehr zusammenarbeiten könnten, so Stückrad, dann fänden sie im gemeinsamen Organisieren und Feiern einen neuen Zugang zueinander.
So erlebe ich es im Dorfverein meines Heimatortes. In dem Verein, der sämtliche Feste und Höhepunkte des Dorfjahres organisiert, engagiert sich nicht nur ein generationeller Querschnitt der Bevölkerung – die beiden Hauptorganisatorinnen des Dorffestes sind noch keine 30 Jahre alt –, sondern auch ein beruflicher und politischer Querschnitt. Hier arbeiten unter anderem ein ehemaliges LPG-Mitglied, ein heutiges AfD-Mitglied und eine zugezogene Gewerkschafterin Hand in Hand. Es geht nicht immer reibungslos zu, aber wo ist das schon so? Es geht um die Sache. Es geht um das Dorf und das Dorfleben. Es geht um Verbindung und Gemeinschaft.
Wie aus Reibung ein Konflikt werden kann, erlebten die Einwohner eines uckermärkischen Dorfes im Jahr 2023. Drei Tage vor dem jährlichen „Stoppelmarkt“ wurde bekannt, dass der engagierte DJ Mitglied der AfD sei. Für die Organisatoren war dies kein Problem, denn die Buchung des DJs bedeutet nicht zwingend eine politische Zustimmung. Für viele Zugezogene – zumeist Berlinerinnen und Berliner – hingegen war dieser DJ nicht tragbar. Es kam zum Eklat. Im Raum stand sogar die Überlegung, den Stoppelmarkt aus Sicherheitsgründen abzusagen.
Kurzerhand traten die Organisatoren zusammen und trafen sich mit den Kritikern auf dem Marktplatz zu einer Diskussion. Am Ende wurde der Stoppelmarkt ein Erfolg. Aus dieser Erfahrung zog das Dorf seine Lehren. Inzwischen gibt es mehrere Ansätze, Einheimische und Zugezogene miteinander ins Gespräch zu bringen. So bringt heute unter anderem ein Flohmarkt auf eben jenem Marktplatz alte und neue Dorfbewohner zusammen.
Was die Bewohner dieses uckermärkischen Dorfes erlebten, bringt die 2025 erschienene Studie „Verbundenheit in der Krise“ des rheingold Instituts Köln auf den Punkt. Demnach stimmten 89 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass unsere Gesellschaft gespalten sei und ein gemeinsames „Wir-Gefühl“ verloren gegangen sei. Zugleich belegte die Studie eine starke Sehnsucht nach einem verbindenden Miteinander. 95 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass wir angesichts der weltpolitischen Lage wieder mehr Zusammenhalt in Deutschland bräuchten. Und 77 Prozent gaben an, sich mehr echte Gemeinschaftserlebnisse zu wünschen – auch mit Menschen, die anders denken als sie selbst.
Wir müssen uns also fragen, was wir eigentlich wollen. Möchten wir Menschen, die anders denken als wir, ausschließen? Oder wollen wir Gemeinschaft und Verbundenheit stiften? Oder wünschen wir uns Verbundenheit nur mit jenen, die so denken wie wir selbst?
Wir sollten uns fragen, welche Maßstäbe und Kriterien für Gemeinschaft und Verbundenheit gelten sollen. Vielleicht müssen wir diese Fragen immer wieder neu, mit viel Fingerspitzengefühl, miteinander aushandeln, weil es dafür keine festen Regeln gibt. Und wo ließe sich das besser lernen als bei der gemeinsamen Vorbereitung eines Dorffestes?
Inzwischen bin ich der Überzeugung, dass Verbundenheit auch im gemeinsamen Tun entstehen kann. Der Psychologe Stephan Grünewald bestätigt mich darin. Als Mitbegründer des rheingold Instituts beriet er im Oktober 2025 die CDU zu der Frage, warum viele ihrer früheren Wählerinnen und Wähler zur AfD übergelaufen sind. Zu den Ursachen zählt er auch mangelnde Verbundenheit.
Grünewald beschreibt fünf ineinandergreifende Gelingensbedingungen für Verbundenheit. Eine davon sind gemeinsame Ziele. In seinem Buch Wir Krisenakrobaten hebt er hervor:
„Geteilte Aufgaben, gemeinsam durchlebte Erlebnisse oder auch gemeinsam durchstandene Schicksale vertiefen das Vertrauen und das Wir-Gefühl. 75 Prozent der Befragten in der Verbundenheitsstudie empfinden gemeinsame Herausforderungen, die von allen Teilen der Gesellschaft zusammen bewältigt werden müssen, als positiven Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Verbundenheitsgefühl.“ (Stephan Grünewald: Wir Krisenakrobaten. Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft, Köln 2025, S. 232 f.)
Wenn wir also wieder mehr Verbundenheit erreichen wollen, sollten wir den Mut haben, auch ein Dorffest als Teil demokratischen Zusammenlebens anzuerkennen. Fördergelder, die in die Vorbereitung eines Dorf- oder Stadtfestes fließen, können echte Demokratieförderung sein. Denn, so Stephan Grünewald:
„Mangelnde Verbundenheit kann auf Dauer unsere freiheitliche Demokratie gefährden.“
Ruth Wunnicke
ist wissenschaftliche Referentin bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.
