Überall begegnen mir dieser oder ähnliche Slogan: als Post in den sozialen Medien, als Aufkleber an Laternenmasten oder Mülleimern. „Wer AfD wählt, ist ein Nazi!“
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich manche AfD-Wählerinnen und -Wähler den Gedanken des Nationalsozialismus verbunden fühlen. Dennoch ärgert mich dieses Pauschalurteil über alle AfD-Wählenden und macht mich zugleich hilflos. Zum einen bestätigen verschiedene Studien, dass nicht jeder, der AfD wählt, mit den Zielen der Partei vollständig einverstanden ist. Zum anderen führen solche moralischen Urteile nicht zwangsläufig dazu, dass AfD-Wählerinnen und -Wähler ihre Wahlentscheidung überdenken. Im Gegenteil: Sie können gesellschaftliche Spaltung sogar verstärken.
Kann man sich noch auf Protest berufen, wenn man AfD wählt?
Viele Menschen in meinem privaten und beruflichen Umfeld sprechen AfD-Wählern diese Begründung ab. Man müsse schließlich wissen, was man da wähle, heißt es dann.
Der Psychologe Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut in Köln sieht das differenzierter. Seinen Studien zufolge haben bei der Bundestagswahl 2025 viele Menschen erstmals AfD gewählt, obwohl sie den Zielen und dem Programm der Partei nicht in allen Punkten zustimmen. Sie hätten die AfD aus Frust und Enttäuschung über die Parteien der politischen Mitte gewählt, so Grünewald.
Mit Blick auf das gesellschaftliche Miteinander spricht daher vieles dafür, innerhalb der AfD-Wählerschaft genauer zu differenzieren. Dazu rät auch Céline Teney, Professorin für Makrosoziologie an der Freien Universität Berlin. In einer Studie vom Juni 2026 unterscheidet sie drei Gruppen von AfD-Wählerinnen und -Wählern: „Konservative Hardliner“ (67,2 %), „radikal rechte Autoritäre“ (19,9 %) und „moderate Konservative“ (12,9 %). Der gemeinsame Nenner aller drei Gruppen sei der Wunsch nach einer stärkeren Begrenzung der Zuwanderung sowie einer stärkeren Anpassung von Minderheiten an die Mehrheitsgesellschaft. Darüber hinaus unterschieden sich die drei Profile jedoch deutlich.
Teney warnt deshalb davor, alle AfD-Wählerinnen und -Wähler pauschal als extrem rechts einzuordnen. Solche Zuschreibungen seien analytisch zu grob und könnten bei Teilen der Wählerschaft eher Abwehrreaktionen gegenüber demokratischen Parteien verstärken, als eine Distanzierung von der AfD zu fördern.
Pauschalurteile können Abwehrreaktionen auslösen
Vor zwei Jahren schickte ich einer Bekannten, die auf dem Land lebt, den Link zu einem Zeitungsartikel über eine naturverbundene, völkisch denkende Kommune, die sich in ihrer Region niedergelassen hatte. (Der Autor schrieb u.a. über zwei einzelne Mitglieder dieser Kommune die in der rechten Szene verkehren. Diese Einordnung schien sich unterschwellig auf die gesamte Gemeinschaft zu beziehen.) Zu dem Link schrieb ich meiner Verwandten lediglich die Frage, ob diese Kommune in ihrer Nähe liege.
Die Antwort meiner Bekannten kam prompt – und sie war voller Wut, Enttäuschung und Trauer. Aus ihrer Sicht würde ich nun ebenfalls, wie die Medien, alles, was naturverbunden lebe „durch den rechten Dreck ziehen“. Sie fühle sich selbst in die rechte Ecke gedrängt und habe langsam genug von diesem Staat und den Medien. Seitdem haben wir dieses Thema nie wieder angesprochen. Politische Themen vermeiden wir inzwischen weitgehend. Ihre Enttäuschung und ihr Gefühl, ausgegrenzt zu werden, machen mich traurig und hilflos. Und ich habe mich oft gefragt, was eigentlich zwischen uns passiert ist.
Ich glaube, verstanden zu haben, dass Pauschalurteile häufig Abwehr- oder Trotzreaktionen hervorrufen. Werden also AfD-Wählerinnen und -Wähler kollektiv als „Nazis“ bezeichnet, erschwert das den Dialog. Es kann dazu führen, dass sich Betroffene aus Gesprächen zurückziehen oder sich – schlimmer noch – aufgrund der Stigmatisierung stärker mit ihrem politischen Lager identifizieren und weiter radikalisieren.
In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang häufig von Reaktanz gesprochen. Gemeint ist die Tendenz von Menschen, auf wahrgenommene Bevormundung oder moralische Abwertung mit Widerstand zu reagieren. Wer sich pauschal diffamiert fühlt, ist häufig weniger bereit, Argumente anzuhören oder das eigene Verhalten zu hinterfragen. Stattdessen wächst die Bereitschaft, sich mit der eigenen Gruppe zu solidarisieren.
In der Politikwissenschaft wird ein verwandtes Phänomen als affektive Polarisierung bezeichnet. An der Humboldt-Universität zu Berlin beschäftigt sich ein Forschungsverbund mit diesem Thema. Dort heißt es über die affektive Polarisierung:
„Sie entsteht, wenn sich Personen besonders mit Gleichgesinnten verbunden fühlen und gleichzeitig Andersdenkenden mit Ablehnung oder negativen Gefühlen begegnen. Diese ‚Wir-gegen-sie‘-Mentalität erschwert Dialog und Zusammenarbeit – und damit den sozialen Zusammenhalt. Zugleich kann affektive Polarisierung Intoleranz und Feindseligkeit fördern und im Extremfall zu politischer Gewalt führen. Sie stellt damit eine ernstzunehmende Gefahr für das demokratische Miteinander dar.“
https://affective-polarization.hu-berlin.de/de/ueber-uns/
Mein weniger wissenschaftlich formuliertes Fazit:
Wer AfD-Wähler pauschal als Nazis abstempelt, betreibt keine Aufklärung, sondern Wählerbeschimpfung. Damit leistet er der Spaltung der Gesellschaft Vorschub und fördert die Radikalisierung von Skeptikern.
Mein Vorschlag: Versuchen wir, im Umgang mit AfD-Wählerinnen und -Wählern mehr zu differenzieren. Denn oftmals sind sie enttäuschte Demokraten und keine Demokratiefeinde. Und vielleicht gelingen hier und da sogar ein Gespräch oder eine sachlicher Austausch.
